„Mathe ist mehr als
nur ein Schulfach.“
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Nachrichten des MINT-Portals
19.06.2015

Im Interview: Dr. Katharina Höhn, Hauptgeschäftsführerin des Berufsbildungswerks der Deutschen Versicherungswirtschaft und Partner von MINT Zukunft schaffen

MZs: Welche Bedeutung hat MINT im Zusammenhang mit dem Thema Innovation in Ihrer Branche, und warum wird der Aspekt Innovation für die Versicherungswirtschaft immer wichtiger?

Dr. Katharina Höhn: Die Versicherungswirtschaft stellt sich der "Herausforderung Innovation" und nimmt in diesem Zusammenhang ihre gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Versicherungsschutz für Wirtschaft und Gesellschaft sicherzustellen, an. Die Versicherer erfüllen damit eine ganz zentrale Funktion: erst durch das Angebot von Versicherungsschutz für anderen Branchen ermöglichen sie es diesen, Innovationen zu verwirklichen. Ohne Versicherungsschutz als Absicherung gegen Risiken würden viele gewagte, neue Ideen nicht umgesetzt. Das Ausfüllen dieser Rolle funktioniert nur, wenn auch die Branche selbst Innovation als Chance sieht und ihr Angebot und ihre Strukturen "am Puls der Zeit" ausrichtet. Kontinuierliche Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft sowie neue Technologien geben immer auch starke Impulse für die Branche hin zu eigener Innovation. So erfordern die Digitalisierung und die zunehmende Vernetzung der Lebensbereiche beispielsweise eine Anpassung der Prozesse, der Produkte und der IT-Landkarten der Unternehmen. Die Basis für eine erfolgreiche Ausrichtung von Versicherungsunternehmen auf die Themenfelder der Zukunft steht und fällt mit der Qualität und den Kompetenzen ihrer Mitarbeiter. Gerade Mathematiker und Informatiker sind es, die mit ihren Kompetenzen in der ersten Reihe stehen. Insbesondere Fertigkeiten in Datenanalyse und Programmierung sind hier gefragt. Dazu kommt die Expertise auch in anderen Naturwissenschaften, ohne deren fachliche Perspektive die Einschätzung eines sich verändernden Risikoumfelds oft gar nicht möglich wäre.

MZs: Welchen Ausbildungsmöglichkeiten, Berufsbildern, und Studiengängen bietet die Versicherungswirtschaft im Anschluss an den Abschluss gute Perspektiven?

Dr. Katharina Höhn: Die Versicherungswirtschaft sucht kontinuierlich neue Mitarbeiter aus den MINT-Fächern. Mathematiker, Physiker und Ingenieure sollten stets bei der Stellensuche unsere Branche im Auge haben. Aber auch Informatiker, Chemiker und Biologen sind gefragte Spezialisten. Risiko- und Datenanalyse sowie Wahrscheinlichkeitsrechnung stellen den Kern des Versicherungswesens dar. Naturwissenschaftler werden darüber hinaus ganz allgemein aufgrund ihrer analytischen Fähigkeiten, ihrer strukturierten Vorgehensweise und ihrer Problemlösungsorientierung geschätzt. Da Naturwissenschaften höchst anspruchsvolle Studienfächer sind, bringen die Absolventen Geduld und Durchhaltevermögen mit - Eigenschaften, die in den Unternehmen gefragt sind. Die Versicherer bieten Absolventen vielfältige Betätigungsfelder, von der Produktentwicklung über Marketing bis hin zum Vertrieb und zur qualifizierten Kundenbetreuung. Mathematiker, Ingenieure, Physiker, Chemiker und Biologen werden beispielsweise als Underwriter, Aktuare, Schadensermittler, Controller oder im Finanzanlagegeschäft eingesetzt. Aber auch in der Marktforschung, im Risikomanagement oder in der IT sind sie gefragte Mitarbeiter. Neben fachlichen Fähigkeiten sollten Bewerber aber insbesondere auch Teamfähigkeit, Eigeninitiative, Kundenorientierung, Kreativität sowie die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge schnell zu erfassen sowie ein grundsätzliches Interesse an Zahlen mitbringen.

MZs: Sie sind mit Ihrer Organisation bei "MINT-Zukunft schaffen" ein HUB der "ersten Stunde". Welche Erfahrungen machen Ihre Botschafter in der praktischen Arbeit mit den jungen Menschen?

Dr. Katharina Höhn: Unsere MINT-Botschafter machen durchwegs sehr positive Erfahrungen im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit. Dies ergibt sich schon aus der Sache an sich: wenn sie im Einsatz sind, treffen sie als ehramtliche, begeisterte Naturwissenschaftler auf neugierige, offene junge Menschen, die bis dato eher theoretisch vermittelte Unterrichts- oder Vorlesungsinhalte plötzlich in faszinierender Anwendung erleben. Ein Beispiel: Plötzlich rechnen Schülerinnen und Schüler eben nicht mehr nur eine weitere Aufgabe aus dem Mathebuch aus wie beispielsweise: "Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Tim aus einem Beutel voll von Kugeln die rote Kugel zieht?" Dieses Mal steht in der Klasse ein MINT-Botschafter vor ihnen, der über Naturkatastrophen, ihre konkreten Auswirkungen und Kosten sowie über den Einfluss von mathematischen Wahrscheinlichkeitsmodellen auf die Versicherbarkeit solcher Ereignisse berichtet. Ein anderes noch konkreteres Beispiel zur Haftpflichtversicherung macht schnell klar, wie das Prinzip des "Ausgleichs im Kollektiv" funktioniert: In den Ferien spielen zwei Kinder auf dem Dach einer Schule mit einem brennenden Tennisball. Unglücklicherweise entzündet der Ball das Dach der Schule, die daraufhin abbrennt. Den teuren Wiederaufbau müssten im Beispiel entweder die Eltern der Kinder mit monatlichen Raten von 3.000€ über 83 Jahre lang abbezahlen - oder aber eine möglicherweise bestehende Privathaftpflichtversicherung, also ein Kollektiv von Beitragszahlern springt ein, indem alle füreinander einstehen und so den Schaden mit einem individuellen Versicherungsbeitrag begleichen. Dieser Beitrag muss im Vorfeld entsprechend genau - basierend auf Erfahrungswerten und Wahrscheinlichkeiten - berechnet werden. Die Frage "Wozu brauche ich eigentlich Mathe?" stellt nach dem Besuch eines MINT-Botschafters in der Regel niemand mehr. Und natürlich sind unsere MINT-Botschafter immer offen für Fragen zum eigenen Werdegang und zeigen dem Nachwuchs auf diese Weise Perspektiven auf, die sich so eben nicht immer in Berufsberatungsbroschüren finden. Die Betreuung solcher Schülerprojekte hat unseren Botschaftern immer viel Freude bereitet. Reges Interesse fanden sie aller Orten: Sei es beispielsweise beim MINT-Tag im Deutschen Museum, beim IX-Quadrat-Projekt der TU München, beim Versicherungsplanspiel in der Oberstufe oder beim Mathe-Projekttag für die Grundschule, bei dem bereits Viertklässler erste Aufgaben zu linearer Algebra oder zur Spieltheorie lösen konnten. Für die Branche selbst hat der Einsatz der MINT-Botschafter jedoch nicht nur im Bereich "Nachwuchswerbung" große Bedeutung. Auch und besonders bewirkt die Nähe der Branche zu den jungen Menschen ein großes "Imageplus", denn sie lernen die Versicherungswirtschaft von einer Seite kennen, die den meisten bis dahin so noch nicht bekannt war: Verständlich, nahbar, persönlich, spannend!

MZs: Wie begeistern Sie junge Menschen, insbesondere auch Mädchen für Ihre speziellen MINT-Perspektiven?

Dr. Katharina Höhn: Zum Nach-Ahmen braucht man Vor-Bilder. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit dem aktiven Aufzeigen von erfolgreich gelebten Berufen, der anschaulichen Darstellung von konkreten Anwendungsbeispielen und mit der Möglichkeit, selbst "Hand anzulegen" den Funken der Begeisterung am besten auf die jungen Menschen überspringen lassen können. Oft kennt man in der Öffentlichkeit nur denjenigen Teil des Versicherungsgeschäfts, mit dem man persönlich in Berührung kommt, also den Vermittler oder vielleicht die nette Dame am Ende der Schadenhotline. Unsere Branche bietet aber weitaus mehr Möglichkeiten im Sinne von Betätigungsfeldern, die so oft gar nicht gesehen werden. Viele davon sind spannend, herausfordernd und laden zu kreativem Gestalten und pfiffigen Problemlösungen ein. Hier legen unsere MINT-Botschafter tolle Visitenkarten bei den Berufsanfängern vor. Aber auch Messepräsenz oder die verschiedenen Unterrichtsmaterialien, die wir für praxisorientierten Unterricht am Beispiel versicherungswirtschaftlicher Zusammenhänge den Lehrern selbst an die Hand geben können, sollen motivieren, sich gerne mit MINT-Themen der Branche zu beschäftigen. Darüber hinaus öffnet beispielsweise zum Girl's Day und Boy's Day auch unsere Branche ihre Tore und lädt zum Kennenlernen naturwissenschaftlicher und mathematischer Beschäftigungsfelder ein. Außerdem können wir den Schülerinnen und Schülern, den Studentinnen und Studenten vermitteln, dass die Versicherungswirtschaft ein verlässlicher Arbeitgeber ist, bei dem kontinuierliche Qualifizierung großgeschrieben wird. Unser Aus- und Weiterbildungssystem ist vielfältig, durchlässig, qualitätsgesichert und wird stets aktuell gehalten. Flexible Arbeitszeitmodelle greifen mehr und mehr - und zu guter Letzt: auch beim Blick auf die Vergütung rechnet sich eine Beschäftigung in der Versicherungswirtschaft. Ein Engagement in der Versicherungsbranche bietet also viele Vorteile, die wir den jungen Menschen gerne näherbringen wollen.

MZs: Wenn Sie für Ihre Branche im Zusammenhang mit MINT einen Wunsch frei hätten, welcher wäre es?

Dr. Katharina Höhn: Wir wünschen uns, dass der Funke der Begeisterung, der uns im Zusammenhang mit MINT entgegengeschlagen ist, zu einem dauerhaft brennenden Feuer wird. Wir wünschen uns, dass viele junge Menschen sich für MINT-Fächer interessieren und wissen, dass die Versicherungsbranche eine tolle Plattform bietet, um die Begeisterung für ein MINT-Fachgebiet später einmal im Rahmen der beruflichen Tätigkeit aktiv zu leben. Wir wünschen uns, dass Versicherung nicht als trockenes Thema wahrgenommen wird sondern als wertvoller und unverzichtbarer Motor für Innovation und für gesellschaftlichen Wohlstand.



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